Die Liebe der Frau

von der die Welt sie fernhält

Was geschieht, wenn Liebe nicht mit der Frage beginnt: Was bekomme ich von diesem Menschen?, sondern mit einer anderen: Bin ich in der Lage, ihn wirklich zu sehen und zu verstehen?

Stell dir einen Mann vor, der sich durch sein Leben gekämpft, vieles davon verstanden hat und schließlich erschöpft ist. Er bittet eine Frau um Hilfe. Und die Frau steht vor einer Entscheidung: Wendet sie sich von ihm ab, weil er nicht dem Mann entspricht, den sie nach den Vorstellungen der Welt wählen sollte? Oder versucht sie, hinter seine äußere Erscheinung zu schauen?

Wenn sie das tut, beginnt sie langsam zu sehen, was in ihm steckt: wie er denkt, was er vom Leben verstanden hat und was er ihr weitergeben kann. Wenn dieses Wissen ihr eigenes Leben sicherer, besser und leichter macht, beginnt sie, sich auch emotional an ihn zu binden.

Sie verliebt sich.

Dabei lernt sie etwas noch Wichtigeres: einen anderen Menschen emotional und intellektuell zu verstehen. Genau diese Fähigkeit wird sie eines Tages brauchen, wenn sie verstehen muss, was in der Seele ihres eigenen Kindes geschieht.

Vielleicht kehrt deshalb dieselbe merkwürdige Geschichte in den alten Märchen immer wieder zurück.

Am Anfang steht vor der Frau kein wunderschöner Prinz. Vor ihr steht ein Ungeheuer. Ein Frosch. Ein Bär. Jemand, in dem sie auf den ersten Blick kaum etwas von dem Menschen erkennen kann, in den sie sich „verlieben sollte".

Dann kommt sie ihm näher, und etwas verändert sich.

Hinter dem Ungeheuer tritt der Mann hervor.

Was, wenn diese Märchen eine sehr alte menschliche Erfahrung über die Liebe bewahren? Was, wenn eines der Geheimnisse der Liebe gerade darin besteht, den Menschen hinter seiner äußeren Erscheinung sehen zu lernen?

Denn wenn das geschieht, verändert sich nicht nur, was wir über den anderen denken.

Auch die Art, wie wir ihn sehen, verändert sich.

Und der Mann, der vorher vielleicht zu alt, merkwürdig oder einfach nicht attraktiv genug erschien, kann in einem einzigen Augenblick

zum schönsten Mann der Welt werden.

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Was geschieht, wenn jemand in der Liebe nicht mehr fragt: Was bekomme ich von diesem Menschen?

Sondern etwas ganz anderes:

Bin ich in der Lage, diesen Menschen wirklich zu sehen und zu verstehen? Und was kann ich ihm geben, damit sein Leben schöner wird?

Was jetzt kommt, wird für den heutigen Menschen vielleicht brutal klingen.

Eine 39-jährige Frau sprach einmal über die Liebe. Sie sagte, dass das, was wir heute als Liebe erleben, eigentlich überhaupt keinen Sinn habe. Paare gehen hierhin und dorthin, unternehmen etwas miteinander, verbringen Zeit zusammen — aber wozu das alles?

„Es ist völlig leer", sagte sie.

Aber auch sie wusste nicht, wie es anders sein könnte.

Vielleicht deshalb, weil wir inzwischen fast vollständig vergessen haben, was emotionales und intellektuelles Verstehen bedeutet.

Wenn wir Liebe jedoch nicht als körperliche Beziehung, als Auffüllen eines Gefühls von Leere oder als eine Reihe gemeinsamer Unternehmungen betrachten, zeichnet sich ein völlig anderer Prozess ab.

Und dieser Prozess hat einen tiefen Sinn.

Wie entsteht Liebe?

Stell dir einen Mann mittleren Alters vor, der bereits viel Lebenserfahrung gesammelt hat.

Wenn dieser Mann sein Leben lang das Verstehen geübt hat, kommt er vielleicht irgendwann an einen Punkt, an dem er seine Tage kaum noch bewältigen kann. Er hat keine Partnerin, kein Zuhause in dem Sinne, dass es niemanden gibt, der ihn durch ihr intellektuelles und emotionales Verstehen — und durch ihren Körper — zur Ruhe bringt.

Dann bittet er eine Frau um Hilfe.

Eine Frau, die aufgrund ihres Alters noch die Möglichkeit hat, das Verstehen so tief zu erlernen, dass es ihr in Fleisch und Blut übergeht.

Und hier beginnt die Entscheidung der Frau.

Hat sie Mitgefühl mit diesem Mann?

Die heutige Kultur gibt ihr viele Gründe, es nicht zu haben. Der Mann ist deutlich älter. Vielleicht gefällt er ihr nicht mehr. Vielleicht gefällt er ihr sogar sehr, aber wegen des Altersunterschieds hat sie trotzdem das Gefühl, dass sie diesen Weg nicht gehen sollte.

Doch genau hier beginnt die eigentliche Herausforderung der Frau.

Wendet sie sich ab, oder versucht sie zu sehen, was sich hinter der äußeren Erscheinung dieses Mannes befindet?

Wenn sie Mitgefühl mit ihm hat, kann sie beginnen, hinter die Oberfläche zu schauen.

Und dann geschieht etwas Merkwürdiges.

Statt auf seine äußere Erscheinung zu schauen, beginnt die Frau langsam, seinen inneren Gehalt zu sehen.

Sie lernt kennen, wie dieser Mann denkt. Was er vom Leben verstanden hat. Was er sieht, das sie selbst noch nicht sieht. Wie seine Persönlichkeit entstanden ist. Was er ihr weitergeben kann.

Und wenn sie erlebt, dass dieses Wissen ihr eigenes Leben sicherer, besser und leichter macht, beginnt sie irgendwann, sich auch emotional an ihn zu binden.

Sie verliebt sich.

Nicht, weil sie beschlossen hätte, sich zu verlieben.

Sondern weil das Wissen des Mannes für sie einen biologischen Vorteil bedeutet.

Während die Frau dieses Wissen in sich aufnimmt, wird ihr eigenes Leben stabiler.

Wenn du dich an der Seite eines Menschen auf diese Weise entwickelst, kannst du dich sehr tief in ihn verlieben. Dazu muss man natürlich nicht unbedingt eine Frau sein.

Die Biologie lässt dich verliebt sein, wenn du von einem anderen Menschen unbewusst wertvolles Wissen erhältst, weil das Leben dich auch emotional an das bindet, was dein Leben stärkt.

Damit die Frau jedoch überhaupt sehen kann, was in diesem Mann steckt, muss sie zunächst lernen, ihn zu verstehen.

Emotional: Was erlebt er?

Und intellektuell: Wie ist der Mensch, der jetzt vor ihr steht, zu dem geworden, der er ist?

Und an diesem Punkt wird die Liebe zu mehr als der Geschichte zweier Menschen.

Denn genau diese Fähigkeit werden eines Tages auch die Kinder der Frau von ihr brauchen.

Wenn die Frau den Mann sowohl emotional als auch intellektuell verstehen kann, kommt der Mann langsam wieder zu sich. Kann sie ihn nicht verstehen, kommt er nicht wieder zu sich, und auch ein Begehren nach der Frau entsteht in ihm nicht.

Eine der großen Herausforderungen der Frau, noch bevor sie Mutter wird, lautet daher:

Ist sie in der Lage, seelisch Leben zu schenken?

Kann sie einen gefallenen Menschen ins Leben zurückholen?

In diesem Sinne ist die Liebe eine Vorübung.

Denn das Kind, das sie eines Tages vielleicht zur Welt bringt, kommt hilflos auf die Welt. Auch dieses Kind wird jemanden brauchen, der es nicht nur anschaut, sondern auch seine seelische Entwicklung sieht. Jemanden, der wahrnimmt, was in ihm geschieht, und versteht, wie sie auf das Kind wirkt.

Deshalb stellt sich in der Liebe die Frage:

Hat die Frau Mitgefühl mit dem gefallenen Mann, oder bleibt sie ihm gegenüber kalt?

Eine Frau, die einen Mann durch ihr Verstehen seelisch retten kann, lernt zugleich zu sehen, wie sie auf die Seele eines anderen Menschen wirkt. Damit übt sie genau jene Fähigkeit, die sie auch als Mutter brauchen wird: wahrzunehmen, was im Inneren eines anderen Menschen geschieht, und zu erkennen, wie sie auf ihn wirkt.

Wenn es ihr schwerfällt zu lernen, wie sie einen Mann durch emotionales und intellektuelles Verstehen zur Ruhe bringen kann, wird es ihr auch schwerfallen zu erkennen, wie sie auf das Seelenleben ihrer eigenen Kinder wirkt.

Aber wo liegt dabei der Kampf des Mannes?

In der heutigen Welt neigen wir dazu, auch im Prozess der Liebe ein Gleichheitszeichen zwischen Mann und Frau zu setzen.

Als müssten beide genau denselben Weg gehen.

Doch sieh dir zum Beispiel die Säugetiere an. Die Männchen kämpfen in der Regel nicht mit den Weibchen. Sie kämpfen miteinander.

Der Mann, der schließlich eine Frau um Hilfe bittet, ist vielleicht bereits völlig erschöpft.

Er hat sich durch sein Leben gekämpft.

Er hat nicht mit der Frau gekämpft. Vielleicht hat er mit der Gesellschaft gekämpft und dabei versucht, sich selbst zu bewahren. Er hat versucht zu verstehen, wie die Dinge miteinander zusammenhängen.

Das war sein Leben: der Kampf und die Entwicklung seines Verstehens.

Und natürlich bleibt auch in der Liebe ein Kampf für ihn.

Vielleicht ist er bereits kurz davor zusammenzubrechen, wenn er bei seiner Annäherung mit den Spannungen konfrontiert wird, die in der Frau entstehen. Vielleicht muss er auch gegen den Widerstand ihres Umfelds ankämpfen. Er hat kaum noch Reserven, muss aber selbst diese noch mobilisieren und versucht, die Frau mit seinem Verstand und seinen Gefühlen zu erreichen.

Der Kampf der Frau ist ein anderer.

In der Liebe kämpft die Frau in erster Linie mit sich selbst.

Damit, ob sie fähig ist, seelisch zu wachsen.

Kann sie lernen, hinter der äußeren Erscheinung den inneren Gehalt zu sehen? Das ist der Weg des Verstehens.

Kann sie beiseitelegen, was die Welt ihr sagt, wenn es dem widerspricht, was ihr eigenes gutes Herz ihr sagt?

Die Frauen, die ich kennengelernt habe, haben sich an diesem Punkt alle abgewandt, als ich sie um Hilfe bat. Es wurde ihnen wichtiger, den Vorstellungen der Gesellschaft zu folgen, als dem zu folgen, was ihr gutes Herz ihnen sagte.

Doch damit haben sie nicht in erster Linie mir geschadet.

Auch sich selbst.

Unter den heutigen Vorstellungen von Beziehungen finden viele Menschen diese Art tiefen Verstehens nicht, selbst wenn sie ihre Beziehung ansonsten als gut funktionierend erleben.

Wenn Frauen sich nicht für das Mitgefühl entscheiden und emotionales und intellektuelles Verstehen nicht üben, werden sie niemals jene Liebe erleben, von der ich hier spreche.

Und wenn Frauen das Verstehen nicht im transformierenden Prozess der Liebe gelernt haben, wird es schwieriger — vielleicht sogar unmöglich — auch ihre Kinder zu verstehen. Es wird schwieriger für sie, zu einem Halt zu werden, auf dem ihre Kinder ihr Leben aufbauen können.

Vielleicht handelten die alten Märchen genau davon

Es ist merkwürdig, dass dieselbe Geschichte in alten Märchen immer wieder auftaucht — sogar in Kulturen, die weit voneinander entfernt sind.

Am Anfang steht vor der Frau oft kein junger, schöner und begehrenswerter Mann.

Vor ihr steht ein Ungeheuer. Ein Frosch. Ein igelartiger Mensch. Ein Bär. In anderen Geschichten eine andere tierische oder verzauberte Gestalt.

Auf den ersten Blick scheint er gerade das Gegenteil von jemandem zu sein, in den eine Frau sich „verlieben sollte".

Und trotzdem tritt sie mit ihm in Beziehung. Sie kommt ihm näher. Und im Laufe der Geschichte verändert sich etwas.

Hinter dem Ungeheuer tritt der Mann hervor.

Diese Geschichte ist so alt und kehrt in so vielen unterschiedlichen Formen wieder, dass es sich lohnt, eine Frage zu stellen:

Was, wenn diese Märchen eine sehr alte menschliche Erfahrung über die Liebe bewahren?

Was, wenn sie davon erzählen, dass in der Liebe irgendwann der Moment kommt, in dem die Frau nicht mehr nur das sieht, was ihre Augen ihr zunächst gezeigt haben?

Sondern den Menschen hinter seiner äußeren Erscheinung erkennt.

Und wenn sie den Menschen erkennt, verändert sich für sie auch seine äußere Erscheinung.

Vielleicht wird deshalb aus dem Ungeheuer ein Prinz.

Nicht einfach deshalb, weil sich der Mann verwandelt hat.

Sondern weil die Frau jetzt etwas anderes in ihm sieht.

Das ist für mich der Prozess der Liebe.

Liebe ist Rettung.

Die Frau rettet den Mann.

Und der Mann rettet die Frau davor, später ihren eigenen Kindern zu schaden, ohne es überhaupt zu bemerken. Und dabei haucht auch der Mann der Frau Leben ein — aber davon erzähle ich ein anderes Mal.

Das Wissen um die Liebe ist verloren gegangen.

Dabei war es vielleicht die ganze Zeit vor unseren Augen.

Davon handelten die Märchen.

Jemand fällt. Ein anderer Mensch sieht in ihm etwas, das die anderen nicht mehr sehen. Er wendet sich nicht ab. Er kommt näher. Er versteht. Und langsam kehrt der andere ins Leben zurück.

Doch dabei verwandelt sich auch derjenige, der ihn gerettet hat.

Die Liebe hebt einen Menschen zurück ins Leben und vermittelt ihm eine unserer grundlegendsten menschlichen Fähigkeiten:

das Verstehen.

Und den Endpunkt der Liebe einer Frau habe ich noch nicht erzählt.

Denn am Ende dieses Prozesses geschieht noch etwas.

Etwas verändert sich im Gehirn der Frau.

Auch die Art, wie sie den Mann sieht, verändert sich.

Der Mann, der ihr zuvor vielleicht zu alt erschien, dessen Äußeres sie abgewogen und beurteilt hatte, den sie mit den Augen der Welt betrachtet hatte, erscheint ihr plötzlich vollkommen anders.

Denn sie sieht nicht mehr nur sein Gesicht.

Sie sieht den Menschen.

Und in einem einzigen Augenblick wird er zum schönsten Mann der Welt.