Origo

In meiner Klasse gab es ein unkompliziertes Mädchen. Ich fand sie nicht schön, aber ich besuchte sie oft. Bei ihr konnte ich sein, wie ich wirklich war. Einmal, als ich von ihr wegging, wurde mir ganz warm ums Herz, und ich hatte das Gefühl, ich würde sogar mein Leben dafür geben, dass sie glücklich sein könnte. Eine grenzenlose Ruhe kam über mich, und diese Liebe umfasste die ganze Welt, sogar Menschen, die einander hassten. Kein Verliebtsein, kein „Schmetterlinge im Bauch“-Gefühl, das ich bis dahin erlebt hatte, kam dem auch nur nahe. Das Mädchen wollte damals mit jemand anderem eine Beziehung beginnen. Ich ließ sie gehen, denn ihr Leben war mir wichtiger als mein eigenes. Doch das Gefühl blieb. Genau das wollte ich eines Tages mit meiner Partnerin erleben.

Heute steht jedoch die Liebe auf den ersten Blick im Mittelpunkt. Was ich erlebt hatte, hatte damit nichts zu tun. Seine Wurzeln lagen in Sicherheit, Vertrauen, gegenseitigem Kennenlernen und der Freiheit, bei diesem Mädchen ich selbst sein zu dürfen. Ich wollte verstehen, ob es die Liebe wirklich gibt und wie sie entstehen kann. Ich hatte den Eindruck, dass die Welt uns mit der Vorstellung von Liebe auf den ersten Blick täuscht, kannte aber keine andere Erklärung. Also machte ich mich auf den Weg, um es zu verstehen. Es dauerte ungefähr zwei Jahrzehnte, bis ich wiederkehrende Muster darin zu erkennen glaubte, wie sich die Liebe eines Mannes entwickelt. Immer wieder begegnete mir dasselbe: Bei einer Frau konnte ich ich selbst sein, fühlte mich sicher, kannte sie, und sie interessierte sich für mein Leben.

Die Liebe der Frauen konnte ich dagegen nicht wirklich untersuchen, denn ich vermute, dass die Gesellschaft Frauen heute nicht erlaubt, sich wirklich zu verlieben. Dennoch hatte ich eine Methode, durch die ich vielleicht etwas darüber herausfinden konnte. Ich kam zu einer Vermutung, die auch Märchen vermitteln: Eine Frau verliebt sich in das, was einen Mann innerlich ausmacht, wenn diese Eigenschaften ihr Leben besser machen.

Es war schwer, zu dieser Vermutung zu gelangen.

Angefangen hatte alles an einem ganz anderen Ort. Als ich acht Jahre alt war, hatte ich eine Endokarditis. Meine Mutter war Ärztin und entschied, mich zu Hause zu behandeln. Ich sollte ein Antibiotikum schlucken, doch die Tablette erschien mir so groß wie eine Walnuss. Mein Vater schlug mich deswegen so heftig, dass die Abdrücke seiner Hände noch stundenlang auf meinem ganzen Körper zu sehen waren. Meine Mutter musste nicht befürchten, selbst von ihm geschlagen zu werden. Trotzdem sah sie zu und tat nichts.

Mama liebte mich abgöttisch. Ich musste ein Musterkind sein, das niemals log und unter allen Umständen anständig war. Wenn meine Mutter traurig wurde, weil ich eine Vier nach Hause brachte, brach ich innerlich fast zusammen, weil ich ihr das angetan hatte. Ebenfalls mit acht Jahren bedankte ich mich am Ende des Schuljahres in einem Ferienhaus weit weg von zu Hause bei meiner Mutter dafür, dass sie mit mir gelernt hatte und ich ein ausgezeichnetes Zeugnis bekommen hatte. Mein Vater war auch da. Meine Mutter hatte mich zu einem guten Kind erzogen, deshalb hatte ich das Gefühl, ich dürfte es nicht unterlassen, mich auch bei meinem Vater für das Zeugnis zu bedanken, obwohl er nie mit mir gelernt hatte. Also bedankte ich mich auch bei ihm. Daraufhin behandelte mich meine Mutter drei Tage lang wie Luft.

Ein kleines Kind ist seiner Mutter ausgeliefert. Selbst wenn ich etwas Falsches getan hätte – ich hatte doch nur das getan, was sie mir beigebracht hatte. Im Nachhinein weiß ich außerdem, dass sie selbst regelmäßig log, obwohl sie mir beigebracht hatte, immer ehrlich zu sein. Sie erwartete Verhaltensweisen von mir, die sie selbst nie vorlebte. Sie schickte mich in die Erwachsenenwelt, ohne mir ein Beispiel dafür gegeben zu haben, wie ich ihre eigenen Anforderungen im Leben umsetzen sollte.

Von meinem vierzehnten Lebensjahr an machte sie mir bei jeder Idee, welchen Beruf ich später ergreifen wollte, Angst und erklärte mir, warum dieser Beruf schlecht für mich wäre. Schließlich konnte ich mich ihr nicht widersetzen und wählte den Beruf, den sie für mich wollte. Dafür verlor ich meinen Freund, die Tätigkeiten, die ich liebte, und meine Ziele. Ich brach völlig zusammen. Ich hatte das Gefühl, man hätte mir alles genommen und kein Mensch sei je schutzloser und entblößter gewesen als ich.

Nie wieder wollte ich etwas Ähnliches erleben. Ich überlegte, wie ich das verhindern könnte, und fragte mich, was ich selbst an meiner Situation ändern könnte. Mir kam der Gedanke, dass vielleicht die Art, wie ich mich verhielt, zu dem beigetragen hatte, was mir widerfahren war. Deshalb beschloss ich, meine unbewussten Verhaltensweisen und, soweit möglich, auch die Funktionsweise des Gehirns kennenzulernen, denn mein Gehirn bestimmt mein Verhalten.

Ein junger Mann, lachend auf dem Rücken eines Pferdes sitzend

Ich begann also in völliger Unsicherheit. Ich kam aus einer Familie, die mir keine verlässliche Grundlage fürs Leben gegeben hatte, und lebte in einer Gesellschaft, die den Menschen meiner Ansicht nach gerade über einen der wichtigsten Momente des Lebens – die Partnerwahl – eine Unwahrheit vermittelt, unter der die meisten mehr oder weniger leiden. Dazu kamen andere Lebenserfahrungen. Bei meiner Arbeit erlebte ich beispielsweise unzählige Male, dass nicht das Wohl des Patienten im Vordergrund stand, sondern dass mein Vorgesetzter recht behalten wollte. Weder meine Familie noch die Gesellschaft boten mir eine sichere Grundlage für mein Leben.

Und so begann mein eigentlicher Weg: Ich wollte meine eigenen unbewussten Verhaltensweisen verstehen, in der Hoffnung, dadurch unnötiges Leid vermeiden zu können. Dieses Verständnis sollte mir in einer unsicheren Welt Sicherheit geben.

Mit neunzehn begann dieser Weg mit einer Erkenntnis. In einem Lebensmittelgeschäft zeigte ich auf einen Käse und bat die Verkäuferin darum. Sie verstand meine Geste falsch und gab mir nicht den Käse, auf den ich gezeigt hatte, sondern den daneben. Ich mochte ihn nicht, nahm ihn aber trotzdem an.

Einen Monat später zeigte ich in einem Blumengeschäft auf eine Nelke in einem Eimer voller Blumen. Die Blumenverkäuferin griff daneben und gab mir eine andere Nelke.

Da fiel mir plötzlich die Situation mit dem Käse wieder ein. „Moment mal“, dachte ich. Alles war anders: das Geschäft, die Ware, die Verkäuferin. Aber eigentlich geschah genau dasselbe. Ich wollte etwas Bestimmtes, bekam etwas anderes, mochte das, was ich bekam, nicht – und akzeptierte es trotzdem.

Das war der erste Augenblick, in dem ich die unbewusste Welt meiner Kindheit verließ und in die Welt des Bewusstseins hinübertrat. Zum ersten Mal erkannte ich eine Reaktion, die ich bis dahin automatisch gezeigt hatte, ohne mir dessen bewusst zu sein.

Ein Mann im Profil, mit runder Brille, in einer alten Aufnahme

Wie besessen begann ich, meine unbewussten Verhaltensweisen zu erforschen. Innerhalb weniger Jahre glaubte ich, unzählige davon verstanden und verändert zu haben. Etwa acht Jahre später stellte ich fest, dass sich in Wirklichkeit nichts verändert hatte.

Und doch war in dieser Zeit etwas geschehen, das später sehr wichtig werden sollte.

Etwa fünf oder sechs Jahre hatte ich damit verbracht, zu lernen, mich selbst sachlich von außen zu betrachten und mein Verhalten in beobachtbarer, messbarer Form zu beschreiben – ebenso das Verhalten anderer Menschen und Lebewesen. Ich lernte, Zusammenhänge zwischen Körperhaltung, Handlungen, Stimmung und anderen Dingen zu erkennen. Ich gewöhnte mir an, nur dann etwas zu behaupten, wenn ich Belege dafür hatte. Ich glaube, wissenschaftliches Denken war mir in Fleisch und Blut übergegangen.

Das brachte allerdings auch einige Probleme mit sich.

Zum Beispiel:

Ich operierte einen Mann, der sich den Ellenbogen gebrochen hatte. Als er zur Kontrolluntersuchung kam, brachte er ein Röntgenbild mit, das in einem anderen Krankenhaus aufgenommen worden war. Es sah schrecklich aus: Es schien, als wäre das Metall zur Fixierung aus dem Knochen herausgerutscht.

Aber irgendetwas ließ mir keine Ruhe. Ich sah mir die Aufnahme noch einmal an. Und noch einmal. Dann stellte ich mir vor, ich selbst wäre der Röntgenstrahl und würde aus diesem schrägen Winkel durch den Ellenbogen hindurchgehen. Und plötzlich erkannte ich es: Das Metall hatte sich nicht bewegt. Die Aufnahme war irreführend.

Ich war ein junger Arzt, gerade erst von der Universität gekommen. In einer Besprechung musste ich die Bilder erfahrenen Kollegen vorstellen. Sie wiesen mich an, den Patienten erneut zu operieren. Ich versuchte zu erklären, was man erkennen konnte, wenn man die Aufnahme aus der Richtung des Röntgenstrahls betrachtete. Vergeblich.

Was macht man in einer solchen Situation?

Gehorcht man?

Oder glaubt man dem, was man selbst sieht?

Am nächsten Tag versuchten meine Vorgesetzten, mir Angst einzujagen. Trotzdem rannte ich im Interesse des Patienten wie von Sinnen zwischen dem Patienten, der Röntgenabteilung, dem Operationssaal und dem Direktor hin und her. Schließlich wurde eine neue Aufnahme gemacht, diesmal in der richtigen Einstellung. Das Metall befand sich genau dort, wo ich es vermutet hatte. Der zuständige Vorgesetzte sagte die Operation ab.

Monate später, nachdem der Ellenbogen verheilt war, entfernte ich das Metall. Es hatte genau an seinem Platz gesessen.

Mich dagegen entließ man, weil ich meinem Vorgesetzten widersprochen hatte – und das war öfter vorgekommen. Ein junger Chirurg setzt mit einem solchen Verhalten seine Karriere aufs Spiel, denn sein Vorgesetzter entscheidet, ob er operieren darf.

Die Welt sieht ganz anders aus, wenn man ihre Zusammenhänge versteht. Plötzlich erkennt man, dass vieles, was die Gesellschaft behauptet, falsch sein kann. Handelt man aber nach dem, was man selbst durchschaut hat, wird man angegriffen.

Wie ich schon schrieb, stellte ich ungefähr acht Jahre nach der Geschichte mit dem Käse fest, dass ich noch immer Dinge akzeptierte, die ich gar nicht wollte. Inzwischen hatte ich durch meine Beschäftigung mit Zusammenhängen jedoch erkannt, dass Gefühle unbewusste Verhaltensweisen aufrechterhalten. Deshalb verbrachte ich unter anderem viel Zeit damit, die Beziehungen zwischen meinen Gefühlen und meinem Verhalten zu untersuchen.

In dieser Zeit machte ich vielleicht auch ungewöhnliche Erfahrungen. Mehrere Menschen in meinem Umfeld sagten mir, ich hätte genau ausgesprochen, was sie dachten. Manchmal kam es mir sogar so vor, als könnte ich ihre Gedanken hören. Zu meinem Erstaunen bestätigten sie anschließend, dass meine Vermutung stimmte. Einmal gewann ich durch mein Bauchgefühl den zweiten Preis bei einer Tombola. Und so weiter. Ich machte also Erfahrungen mit einer Seite der Welt, die vielleicht vielen Menschen heute unbekannt ist.

Mir schien, als würden Ereignisse bestimmten Mustern folgen und als könne man die Zukunft bereits in der Gegenwart erahnen. Ich hatte den Eindruck, dass sich die Pythagoreer, Feng Shui und die Astrologie mit solchen Dingen beschäftigten. Außerdem schien es mir, als hätten Dinge eine nichtmaterielle Eigenschaft, die man wahrnehmen könne. Die Welt der Geister, an die Gesellschaften heute oft nur noch als Märchen erinnern, erschien mir plötzlich real. Ich beschäftigte mich also mit sehr vielem, weil ich gesellschaftliche Vorstellungen durch verlässliche Grundlagen ersetzen wollte: nicht nur damit, wie Liebe entsteht oder wie ich unbewusstes Verhalten erkennen kann, sondern auch mit der Entstehung des Lebens und des Menschen.

Ein Mann auf einem Elefanten in einem Zirkuszelt aus rotem und gelbem Stoff

Ich hatte nicht viele Hilfsmittel. Ich hatte meine Beobachtungen. Ich wusste, dass es im Leben Antriebe wie Hunger, Angst und den Wunsch zu überleben gibt. Das sind so starke Kräfte, dass man, wenn man sie kennt, berechnen kann, was unter ihrem Einfluss entstehen könnte.

Eines meiner größten Probleme war, dass ich sowohl in der Geschichte aus der Chirurgie als auch in meinem übrigen Leben immer wieder erlebte, wie Menschen Macht missbrauchten und einen schönen Schein aufrechterhielten, damit nicht sichtbar wurde, was tatsächlich geschah. Was ich dagegen als wirksam erlebt hatte, beruhte auf meinen eigenen Beobachtungen. Allmählich entstand in mir der Eindruck, dass die Menschheit eine Welt aufrechterhält, die ihrer eigenen Biologie grundsätzlich widerspricht.

Es schien mir, dass die Fähigkeit zum Verstehen, die ich nutzte, vielleicht eine ursprüngliche menschliche Eigenschaft war, der wir unser Überleben verdanken. Der Missbrauch von Macht dagegen verdränge diese Fähigkeit immer weiter. Und anders als andere Arten prüfe der Mensch bei der Partnerwahl nicht die Fähigkeiten, die dem Fortbestand der Art dienen, sondern vor allem den äußeren Schein. Daraus entstehe nichts Verlässliches; Beziehungen würden beschädigt, und daraus könnten schließlich Kriege und durch den Klimawandel verursachte Katastrophen hervorgehen.

Natürlich könnte man bis hierhin sagen, ich hätte nur leere Worte gemacht. Schließlich hatte ich nach acht Jahren des Bemühens noch keine Veränderung meines eigenen Verhaltens erreicht.

Nachdem ich aber erkannt hatte, dass Gefühle meine unbewussten Verhaltensweisen aufrechterhielten, verstand ich auch, warum ich damals den falschen Käse angenommen hatte: Ich hatte Angst, die Verkäuferin könnte mich angreifen, wenn ich den bereits abgeschnittenen Käse zurückwies. Ich stellte mir vor, sie würde sagen: „Und wie soll ich den jetzt noch verkaufen?“ Meine Angst war nicht völlig unbegründet.

Von diesem Moment an nahm mein Leben jedoch eine grundlegende Wendung. Ich fragte mich, woher meine Angst ihre Macht bezog. Und mir wurde klar, dass mir die Verhaltensweisen fehlten, mit denen ich mich selbst hätte schützen können.

Zu diesem Zeitpunkt kannte ich bereits die Gesetzmäßigkeiten der Kommunikation. Ich konnte mein eigenes Verhalten von außen beschreiben und abschätzen, wie andere in einer bestimmten Umgebung auf ein Verhalten reagieren würden, das ich selbst noch nie gezeigt hatte. Ich begann, mir neue Verhaltensweisen auszudenken und durchzuspielen, welche Reaktionen sie hervorrufen würden. Sie funktionierten alle genau so, wie ich es vorausberechnet hatte. Ich hatte schreckliche Angst, wenn ich etwas tat, was ich zuvor noch nie gewagt hatte. Aber meine Berechnungen bestätigten sich.

Dabei stand einiges auf dem Spiel – zum Beispiel mein Arbeitsplatz.

Einmal zeigte einer meiner Vorgesetzten auf eine meiner Diagnosen und sagte, darin sei ein Buchstabe falsch. Ich erkannte darin den Beginn eines Machtspiels. Wenn ich ihm durch meine emotionale Reaktion zeigte, dass er mich verletzt hatte, hätte ich verloren. Dann könnte er mich immer wieder benutzen, um seine Spannungen an mir abzureagieren. Statt sein eigenes Verhalten als falsch zu erkennen, würde er es vor sich selbst rechtfertigen, indem er sich einredete, ich sei ein schlechter Mensch. Das könnte sich so weit steigern, dass man mich entließ.

Als er also auf den falschen Buchstaben zeigte, reagierte ich überhaupt nicht. Er wurde wütend und sagte, das sei so, als wolle ich mein Auto schmutzig verkaufen. Ich reagierte wieder nicht. Da wurde er erst recht wütend. Er schrie: „Du bist empfindlich!“ Ich verließ sein Büro. Nie wieder versuchte er, mich auf diese Weise anzugreifen. Im Gegenteil: Danach verhielt er sich mir gegenüber freundlich.

Das ist nur eines von unzähligen Beispielen, in denen ich völlig anders reagierte, als ich es in meiner Kindheit gelernt hatte.

Ich brauchte zwanzig Jahre dafür. Dann hatte ich mir ein Gefühl von Sicherheit erarbeitet – in einer Welt, die meiner Ansicht nach Sicherheit oft gar nicht kennt, sondern durch Machtmissbrauch und äußeren Schein nur den Anschein von Sicherheit erzeugt.

Ich weiß nicht, ob mir der nächste Schritt gelingen wird. Mein Weg ist noch nicht zu Ende.

Bis heute erlebe ich Angriffe. Aber ich bin ihnen nicht mehr hilflos ausgeliefert; ich habe gelernt, sie zu stoppen. Ich möchte nach Hause kommen zu einer Frau, die sich für mein Leben interessiert und mit der wir uns miteinander wohlfühlen. Ich wünsche mir Liebe – nicht nur hormonelle Anziehung, sondern jene Liebe, die ich kennengelernt habe und die aus Verständnis entsteht.

Für mich ist das ein großer Kampf. Weil diese Frau nicht an meiner Seite ist, leide ich unter Schlafstörungen. Schlafentzug wurde schon im Mittelalter als Foltermethode eingesetzt. Man kann sich vorstellen, wie es ist, mit solchen Schlafproblemen zu leben. Doch die Welt hält an ihren Vorstellungen von Liebe fest, insbesondere an der Liebe auf den ersten Blick. Darunter habe nicht nur ich schon in jungen Jahren gelitten. Meiner Ansicht nach leiden auch Paare darunter und vielleicht jedes Kind, dessen Eltern bei der Partnerwahl nie geprüft haben, ob sie verstehen können, wie sich die Persönlichkeit eines Menschen entwickelt und wie das unbewusste Verhalten eines Kindes geprägt wird.

Ich vermute, dass die ganze menschliche Welt unter den Folgen leidet – und durch die Menschen auch andere Lebewesen. Kinder werden dabei meiner Ansicht nach seelisch verletzt. Diese Verletzungen versuchen Menschen dann häufig ein Leben lang durch Machtmissbrauch zu verdecken. Daraus entstehen Konflikte im Kleinen wie im Großen und vielleicht sogar ein Klimawandel, unter dessen Folgen die Menschheit zusammenbrechen könnte.

Was ich erlebt und erreicht habe, könnte, so scheint es mir, vielleicht vielen Menschen – womöglich sogar der Menschheit – eine Möglichkeit eröffnen, diesen Zusammenbruch zu vermeiden.

Es wäre zweifellos ein anderes Leben: nicht Machtausübung, sondern Verstehen. Ein Leben, das von der Geburt bis zum Tod auf Verständnis beruht.

Für mich bedeutet das Leben Kampf. Ich kämpfe, weil meine Umgebung und die Welt nichts davon hören wollen, dass es auch eine andere Art zu leben geben könnte als die, von der die Gesellschaft spricht. Ich habe das Gefühl, dass die Gesellschaft eine Liebe, die auf gegenseitigem Verständnis beruht, nicht wieder zulässt. So bleibe ich in meinen Schlafstörungen und meinem Leid gefangen, während dieselbe Welt zugleich von dem zusätzlichen Verständnis profitieren möchte, das ich in meine Arbeit einbringe.

Dieser Kampf ist noch nicht entschieden. Ich weiß nicht, ob es mir gelingen wird, Menschen dafür zu gewinnen, das Verstehen wieder bewusst anzuwenden. Dabei ist das eigentlich nichts Außergewöhnliches. Schon mit drei Jahren gehört die Frage, wie Dinge entstehen, zu den wichtigsten Interessen eines Menschen. Doch meiner Ansicht nach unterdrückt unsere Gesellschaft genau diese Neugier.